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Reformationsjubiläum – wo bleibt die Kirche?

von UH (Kommentare: 0)

Was uns die Reformation nach 500 Jahren noch zu sagen hat

Das Reformationsjubiläum 2017 neigt sich dem Ende zu. Im Gegensatz zu Deutschland startete die Reformation in der Schweiz aber erst einige Jahre später. Und so feiern die Schweizer Kirchen noch über die nächsten Jahre mit einem umfangreichen Festkalender die Schweizer Reformation. Da stellt sich auch die Frage, ob denn mit diesen Festivitäten das Interesse des Volkes für die kirchlichen Kernanliegen wieder zunimmt. Unsere Gesellschaft und ihre Werte haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv säkularisiert, das heisst verweltlicht. Die ursprünglich biblisch fundierten Lehren der Kirche sind in moralischen Fragen längst nicht mehr das Mass aller Dinge. Glaubensfragen bewegen die Bevölkerung nicht mehr in dem Masse wie zu Zeiten Luthers, Zwinglis und Calvins.


Daher suchen die Kirchen angestrengt nach Wegen, wie sie wieder zu den Herzen des Volkes gelangen können. Man staunt, wie viel Kreativität in neue Formen der Gottesdienstgestaltung fliesst – in der Hoffnung, die Menschen finden in die Kirchen zurück. Ebenso zeigen die verschiedenen Jubiläen ein buntes Bild an Volksbelustigung. Die reformierte Kirche des Kantons St. Gallen startet das Reformationsjahr mit einem volkstümlichen Bieranstich mit eigens gebrautem Vadianbier einer lokalen Brauerei. Die Liste liesse sich noch beliebig fortsetzen. Ob all diese Bemühungen, welche sich eher an einer zeitgenössisch verankerten Eventkultur orientieren, die Gesellschaft hinter dem Ofen hervor in die Kirchen locken, bleibt offen. Eine Kirche, die der Welt nachzueifern versucht und dabei auch die Methoden der Welt kopiert, hat die Meinungsführerschaft verloren und hinkt letztendlich einfach dem Trend hinterher. Mit Positionen, die dem Mainstream entsprechen – etwa beim Schutz des menschlichen Lebens, von Ehe und Familie oder der Glaubensfreiheit – wird die Kirche keine reformatorische und umstürzende Kraft mehr entfalten, wie dies die Exponenten vor 500 Jahren leisteten. Die Resonanz wird klein bleiben, denn andere können den Mainstream besser bei Laune halten und mit der Tradition alleine werden keine Inhalte gefüllt werden können.


Das Gedenken an das Geschehen vor 500 Jahren, welches dann als Reformation in die Geschichte einging, sollte uns aber lehren, woran sich die Reformatoren, allen voran Martin Luther, rieben und worauf sie aus einer persönlichen Not heraus nach Antworten suchten. Die damalige «offizielle Kirche» hatte sich in Lehre und Tat weit vom Worte Gottes entfernt und enthielt dem Volke die geistliche Nahrung des Evangeliums vor. Das heisst, die Kirche war weitgehend mit sich selbst und ihren eigenen Interessen beschäftigt und kam ihrem eigentlichen Auftrag, dem Verkündigen des Wortes Gottes und der Seelsorge, nicht mehr nach. Eine Rückbesinnung der Kirche auf diese Kernaufträge hätte genügend Sprengkraft in der heutigen Zeit, um eine geistliche Erneuerung herbeizuführen. Es ist nicht so, dass unsere Gesellschaft keine Nöte mehr kennt. Menschen suchen nach Antworten und sie spüren, dass diese nur im «Übersinnlichen» verborgen sein können. Gottes Wort – die Bibel – als Offenbarung dieser ewigen Wahrheiten ist den Kirchen immer noch in die Hände gelegt. Martin Luther erkannte das durch die persönliche Erfahrung von Gottes Gnade und dadurch konnte sich die Kraft des Evangeliums Jesu Christi in der Reformation neu entfalten. Dass dies die Welt bis heute bewegen würde, konnte der Reformator nicht voraussehen und gereicht allein zur Ehre Gottes. Diese Erkenntnis wieder zu vermitteln, schadet weder der Kirche noch der Gesellschaft.


PS: Plinio Bachmann, ein Kulturschaffender und Aussenstehender, führte auf Wunsch der reformierten Kirche des Kantons Zürich eine Kirchenvisite durch. Er besuchte vier Gottesdienste und fasste seine Eindrücke dann zusammen*. Am tiefsten beeindruckt hat ihn ein Gottesdienst beziehungsweise ein Pfarrer (wörtlich hat es ihn sogar «umgehauen»), der in einer wortgewaltigen Predigt seine Erkenntnis aus der Bibel mit dem Fundus der eigenen Glaubenserfahrungen paarte. Er kommt zum Schluss: Das sitzt. Es war ein Ereignis der Inspiration. Seine Empfehlung an die Kirchenverantwortlichen war, dass im Gottesdienst das gesprochene Wort den Verstand und das Herz zu erreichen hat. In dieser Reduktion auf das Wesentliche hebt sich der reformierte Gottesdienst von allem ab, was wir heute zur spirituellen Vermittlung kennen. – Oder in anderen Worten gesagt: Dieser Pfarrer glaubte an das, was er, von der Bibel her abgeleitet, predigte und konnte dies mit seinem Leben bezeugen. Darin zeigt sich Gottes Wirken, das die Herzen der Menschen erreicht.

* Plinio Bachmann: Gottesdienst als Auftritt – eine Kirchenvisite. Vortrag an der Präsidialkonferenz der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich vom 17. Mai 2008.

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