Eine Begegnung in unsicheren Zeiten mit Priorin Irene vom Kloster Fahr, welche eine Zuversicht ausstrahlt.

Von Jocelyn Daloz

 

Aus der Linth-Zeitung vom 28. November 2020

Im Jahr 529 schrieb der Mönch Benedikt von Nursia folgende Regel auf: «Dem Kloster fehlt es nie an Gästen.» Fast 1500 Jahre später ist es im benediktinischen Kloster Fahr im Limmattal schwierig, diesem Gebot nachzukommen; die Gästezimmer sind leer, das Restaurant kaum besucht, die Weinkeller überfüllt. Dabei war das Kloster, trotz der geistlichen Ruhe seiner Gemächer, stets ein Ort, wo die Welt nicht verschwindet, sondern eine Auszeit erlaubt von deren Rausch. Keine drei Kilometer entfernt zischen am Bahnhof Schlieren Züge vorbei, Busse husten, Autos hupen, alles in steter Aufregung und Sprudeln, so wie die Limmat an diesem grauen Herbsttag unverrückbar dahinfliesst. Unweit ihrer Ufer strömen Autos auf der A1. Aber spaziert man von der Weiningerstrasse flussabwärts, verstummt die Vorstadt allmählich. Haubentaucher und Stockenten schnattern, Schafe blöken, Rotkehlchen singen, der Bach Werd flüstert, je mehr man sich dem Kloster nähert. Nach dem Betreten der Pforten ist man behütet in der Stille der dicken Wände. «Am Rand der Stadt, Welt, in der sich Erd und Himmel stets begegnen», schrieb die bekannte Benediktinerin Silja Walter über das Kloster, in dem sie bis zu ihrem Tod 2011 lebte.

Wir begegnen hier Priorin Irene, die seit 17 Jahren die Gemeinschaft der zwanzig benediktinischen Schwestern leitet und seit 34 Jahren hier lebt. Sie führt uns durch Steingänge, die Schritte hallen nach, vorbei an Christus am Kreuz und einem leeren Weihwasserkessel an der Wand. Man kann ihr Alter anhand der biografischen Angaben abschätzen, aber auf ihrem von der Haube umrahmten Gesicht liest sich eine alterslose Vitalität und Gewissheit. Ihre Hände bewegen sich in ruhigen Gesten, wenn sie über die Pandemie und die Spiritualität sinniert. Wir trinken Mineralwasser im karg eingerichteten Wohnzimmer des Abtes. Die Wände sind geschmückt mit Holzmalereien  aus dem 18. Jahrhundert, ein alter Kachelofen nimmt eine Ecke des Zimmers ein.

Das Kloster musste während der ersten Welle in Quarantäne. Fünf Schwestern erkrankten. Alle erlebten einen milden Verlauf. «Es war anspruchsvoll, aber wir hielten gut zusammen», erklärt Priorin Irene. Die Gemeinschaft schied sich noch weiter von der Welt ab: Keine öffentlichen Gottesdienste, keine Kontakte mit weltlichen Mitarbeitenden, das Restaurant ausserhalb der Klosterwändeblieb zu. Nun ist es wieder offen, aber es kommen kaum Gäste. Die Regel St. Benedikts gibt Halt: «Akzeptiere das, was du nicht ändern kannst» oder «dein Herz sei stark und halte den Herrn aus». Mit ihrer klaren Tagesstruktur und der Abwechslung von Arbeit, Gebet und Lesung verankern sich die Schwestern in Geborgenheit. «Ich bin stets in schwierigen Zeiten geistlich gewachsen. Dann erscheinen mir die biblischen Texte am konkretesten», sagt die Priorin und liest mit sanfter Stimme aus dem Psalm 27: «Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Vor wem soll ich mich fürchten?»

Das Kloster stand schon im 14. Jahrhundert, als die Pest einen Drittel der europäischen Bevölkerung tötete. Damals betrachtete die Kirche die Seuche als Gottesbestrafung; das sieht die Priorin anders: «In den Evangelien heilt Jesus immer wieder kranke Menschen. Er ist gekommen, um Heil zu bringen.» Das hiesse nicht, dass Menschen vor Unruhen und Leid befreit seien: «Ich werde nicht verschont, wenn ich gläubig genug bin. Die Botschaft Gottes ist: Richtet euch auf. Er begleitet uns.»

So schöpfte sie aus der Bibel und dem Zusammenhalt ihrer Mitschwestern Zuversicht. Sie merkte auch, wie eine aussergewöhnliche Verbindung zu der Aussenwelt bestand. «Wir waren physisch getrennt, aber geistlich entstand eine Bindung, die es sonst nicht gibt.» Trotz- dem fehlt ihr die Anwesenheit der Menschen: «Es ist eine unserer Aufgaben, Gäste zu empfangen, ihnen durch das Vorleben unseres Glaubens etwas mitzugeben und von ihnen Inspiration zu schöpfen.»

Umso mehr hofft Priorin Irene deshalb, dass dieser Advent sinnbildlich für die Pandemiezeit verstanden werden möge: «Die Adventszeit ist in Wirklichkeit keine leuchtende Zeit, wie wir sie aus den Einkaufsstrassen kennen. Die Bibel ist voller Überlieferungen vom ‹Volk, das im Dunkeln lebt, und ein helles Licht sieht›.» Das sei die grosse Botschaft der Adventszeit, die sie uns auf dem Weg mitgeben will. Je mehr sie spricht, umso mehr erwärmt sich der Raum: «Die Nacht ist vorgedrungen, es geht auf Mitternacht zu. Und wenn die Nacht am dunkelsten ist: Dann ist Weihnachten. Dann kam Gott in die Welt. Wenn es gelingt, bewusst die Dunkelheit auszuhalten und ein Licht zu sehen, dann kann Hoffnung strahlen.» Diese Gewissheit besteht beim Rückweg der Limmat entlang. Sie droht zu verstummen im Getöse des Verkehrs an der Weiningerstrasse. Da hilft es, wenn ein von Priorin Irene ausgelesenes Jesuszitat im Kopf nachhallt: «Wenn ihr von Krieg und Unruhen hört, lasst euch nicht erschrecken.» Und weiter: «Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen. Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter.»

 

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