Die christliche Religion ist nicht bloss ein überholter Wertelieferant der Aufklärung. Christen wagen, in den Alltäglichkeiten neuzeit­licher Gottesferne auch dem Anderen, rational nie gänz­lich Ein­hol­baren Raum zu geben.

Von Beatrice Acklin-Zimmermann
habilitierte Theologin

 

Aus der Neuen Zürcher Zeitung, 25.01.2021

Just zu Weihnachten wurde in dieser Zeitung von Simon Hehli die Quasifrage gestellt: «Die Schweiz verliert ihren Glauben – na und?» (NZZ 22. 12. 20). Die Grundaussage des Beitrags lautet: Das Christentum ist hierzulande zwar auf dem Rückzug, aber das braucht niemanden zu beunruhigen, denn die vom Juden- und vom Christentum vererbten (universellen) Werte werden auch dann fortbestehen, wenn der letzte Christ das Licht ge­löscht hat. Wer nun erwartet, dass der Autor eine neue Werte­debatte aufs Tapet bringt, sieht sich getäuscht. Vielmehr wird der vermeintliche Graben zwischen christlichem Glauben und aufgeklärter Vernunft neu aufgerissen und die «wissen­schaft­lich rationale Weltsicht» gegen «wundersame Vorgänge» im christlichen Glauben ausgespielt. Pikant dabei: Wer sich Christ nennt und sich zu seinem Glauben bekennt, wird schnurstracks zum Freikirchler erklärt. Und noch pikanter: Als Ersatzglaube empfiehlt der Autor seine aufgeklärt-liberale Weltsicht, die «in einer komplexen Welt nicht auf alle Fragen eine eindeutige Ant­wort gibt».

Harmonie von Glaube und Vernunft

Man fühlt sich ertappt: Ist noch bei Trost, wer heute noch glaubt und Christ sich nennt? Wer so fragt, übersieht womöglich, dass es in der Geschichte des Christen­­tums auf weite Strecken um eine Aus­balan­cierung von Glaube und Vernunft ging: Die grie­ch­ische Philosophie und die römische Rechtsrationalität mit der Lehre des Evangeliums zu verschmelzen, gehört zum Lebens­kern des Katholizismus. Dessen unablässige Bemühungen um Harmonie von Glaube und Vernunft enthielten stets auch die Warnung davor, sich in einer Bibelfeste einzumauern und sich dem Strom frommer Ge­fühle zu überlassen. Und ganz beson­ders im Zug der Auf­klärung sah sich die christliche Religion gezwungen, sich zwischen den Fronten des rein vernunft­orien­tierten Rational­ismus und der kantischen Moral­philosophie zu recht­fertigen und sich durch eine Positionierung zu behaupten.

In seinen «Reden an die Gebildeten unter den Verächtern der Religion» erinnert der «protestantische Kirchen­vater des 19. Jahr­hun­derts», Friedrich Schleiermacher, eindring­lich an die Verbindung von Religion und Aufklärung und ver­weist auf die produktive Spannung der beiden, indem er ursprüng­liche Anliegen der Auf­klärung wie Mündigkeit und vernünftige Urteilskraft als blei­bende Aufgaben auch für die Religion re­klamiert. Nur wer mündig spricht und bereit ist, über seinen Glauben argumen­tativ Auskunft zu geben, wird ihn verteidigen können und nicht schon beim ersten Gegenwind umfallen.

Auf die wechselseitige, kritische Herausforderung, auf den «dop­pelten Lernprozess» von Vernunft und Glaube hat nicht zuletzt mit Jürgen Habermas ein ganz und gar «religiös Unmusikali­scher» hingewiesen. Ins­besondere Habermas’ Spätwerk dreht sich um die Span­nung zwischen Glauben und Wissen. Aber auch in Reden, Vorträgen und Debatten hat Habermas immer wieder daran erinnert, dass religiöse Überzeugungen, aber auch Gebet und Ritus keine Relikte einer intellektuell längst überwundenen Vorstellungswelt sind, sondern dass sie ein eigenes Recht haben und nicht er­setz­bar sind. Weil laut Habermas aber all das, was im christ­lichen Glauben zur Sprache kommt, über die Phi­lo­sophie hin­aus­weist, ist Religion das, was in der Philo­sophie fehlt, und nicht das, was endlich zu überwinden ist.

Die letzten Fragen

Der Glaube vermag vielleicht heute keine Berge mehr zu ver­setzen, aber auch die Moderne ist in die Jahre gekommen: Zwei Weltkriege, totalitäre Katastrophen und nun die globale Ratlosigkeit ange­sichts einer Pandemie präsentieren eine Bilanz, die das Ver­trauen in die Vernunft nicht gerade stärkt. Gerade in Pandemie­zeiten dürfte Schleiermachers «Gefühl schlechthinniger Ab­hängig­keit» so manchem «Verächter der Religion» vertrauter sein, als ihm lieb ist. Vor Krankenbetten und offenen Gräbern, in existenziellen Situationen, in denen wir uns unseres end­lichen Vernunftwesens allzu bewusst werden und begreifen, dass wir auch als freiheitsliebende Menschen und autonome Subjekte unser Leben nicht uns selbst ver­dan­ken, dürfte die aufgeklärt-liberale Weltsicht als Ersatz­glaube kaum weiter­helfen.

Und wer die christliche Religion lediglich zum Wertelieferanten eindampft, verkennt, was Schleiermacher den «Sinn und Geschmack fürs Unendliche» genannt hat: In einer entzauberten Welt wagen Christen es, diesen Sinn und Ge­schmack zu entwickeln und in den Alltäglichkeiten neuzeit­licher Gottesferne auch dem Anderen, rational nie gänz­lich Ein­hol­baren Raum zu geben. Sie geben sich nicht mit dem Mittel­mass zufrieden, sondern gehen aufs Ganze, indem sie sich an die letzten Fragen heranwagen und dem Lebens­rätsel von Gut und Böse, von Tod und Unsterblichkeit auf die Spur zu kommen versuchen. Übrigens: Christinnen und Christen rechnen weit mehr mit Irritationen, mit Brüchen und Neuanfängen als mit Kon­­tinuitäten und eindeutigen Antworten auf ihre Fragen.

 

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