«So nimm denn meine Hände.» Das alte Trostlied bedeutet Christian Lohr sehr viel. Auch wenn er keine Arme hat. Doch der erste schwerbehinderte Nationalrat weiss sich auch an den Füssen von Gott geführt. Seit zehn Jahren gehört er nun dem eidgenössischen Parlament an.

Von Andrea Vonlanthen

 

Aus IDEA 49.2021

Er sitzt am Boden und begrüsst seinen Gast mit dem rechten Fuss. Er hat keine Arme und nur kurze Beine. Dann schwingt er sich in seinem kleinen Besprechungszimmer in Kreuzlingen auf einen Stuhl. Und schon bald greift er mit dem Fuss nach einer Kaffeetasse. Christian Lohr, im nächsten April 60, macht alles mit dem rechten Fuss: das Essen, das Telefonieren, das Schreiben. Als profilierter Journalist hat er seine eigene «Handschrift». Unterstützung braucht er immer dort, wo man zwei Hände haben sollte, also beim An- und Ausziehen und auf dem WC. Er darf auf seine Familie und ein breites soziales Umfeld zählen. Seine 87-jährige Mutter, seit fünf Jahren Witwe, wohnt gleich nebenan. Er ist dankbar, sie in seiner Nähe zu wissen.

 

Fatales Medikament

Der werdenden Mutter war damals ein Medikament gegen Keuchhusten verschrieben worden. Es enthielt den Wirkstoff Thalidomid, das zu Fehlbildungen führen konnte. «Es ist ein Riesengeschenk, dass mich meine Eltern trotz meiner starken Beeinträchtigung klaglos annehmen konnten», erzählt Christian Lohr. «Das war nur möglich, weil sie stark gefestigt waren im Glauben an Gott.» Christian wächst zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bruder in einem Familienblock mit 56 Partien auf. «Ich konnte nicht ‘herumsecklen’ und nicht auf Bäume klettern, aber ich war von den anderen Kindern immer voll akzeptiert.» Und seinen Eltern gelingt es, seine Lebensfreude und seinen Glauben an Gott zu stärken. «Ich vertraue Gott stark, dass er mich auf einem guten Weg führt. Für Gott bin ich nicht behindert.»

 

Sinnvolles Leben

Sein Weg führt mehr und mehr vom Journalismus in die Politik. Am Familientisch wurden schon früh politische Diskussionen geführt. «Ich habe erkannt, dass wir für all die Probleme unserer Gesellschaft nicht Gott verantwortlich machen dürfen. Wir müssen uns selber damit auseinandersetzen.» Als evangelischer Christ tritt er der CVP, heute «Die Mitte», bei und erlebt einen imposanten politischen Aufstieg. Vor zehn Jahren wird er im Bundeshaus vereidigt. Hier liegt ihm besonders daran, Menschen mit einer Beeinträchtigung eine Stimme zu geben. «Ich merke, dass durch meine Präsenz das Thema ‘Behinderung’ ganz anders wahrgenommen wird.» Er fühlt sich unter der Bundeskuppel anerkannt und voll respektiert. Die Parlamentsdienste erleichtern ihm das Leben wo nur möglich. Inzwischen ist er mit fast allen Bundesräten per Du.

10 Jahre in Bundesbern – für Christian Lohr ein grosses Privileg: «Ich bin Gott sehr dankbar, dass ich diesen Weg gehen darf. Er gibt mir immer wieder die Kraft, meine Behinderung anzunehmen und mein Leben sinnvoll zu gestalten. Ja, mein Leben macht Sinn! Ich kann ein gutes, glückliches Leben führen.»

Christian Lohr freut sich auf Weihnachten. Auch während der momentanen Wintersession in Bern setzt er sich am Wochenende mit seiner betagten Mutter vor einen Adventskranz. Gemeinsam geniessen sie die Ruhe, die Wärme und den Austausch. Und die Lichter, die an Jesu Geburt erinnern. Den Weihnachtsgottesdienst möchte er nicht missen. «Stille Nacht» wird ihn stark berühren. Das geht ihm seit seiner Kindheit so.

 

Informiert bleiben!