Erschütternd, was einem fremde Menschen auf der Strasse erzählen. „Meine Mutter hat sich erhängt, das war so grausam. Wenn jemand sterben will, soll er es in Würde tun dürfen!“ „Ich bin schon jahrelang depressiv und die IV macht mir das Leben schwer. Nein, wenn ich einmal genug habe von diesem Leben hier, will ich ein Wässerchen schlucken und nicht vor den Zug springen!“ So argumentierten viele Passanten, welche wir am 15.Juni in Zürich Oerlikon auf der Strasse ansprachen.

Tatsache ist aber, dass in Ländern, die den ärztlich assistierten Suizid legalisieren, die Anzahl grausamer Suizide nicht sinkt (zB. Oregon).

Exit feierte ihr 30-jähriges Bestehen in der Deutschschweiz, deshalb trafen sich zahlreiche Sterbehilfeorganisation aus der ganzen Welt im Swisshotel um Wissen und Erfahrungen auszutauschen. Die breite Lobby organisiert sich in den „World Federation of Right-to-die-Societies“ (Weltverband der Recht-zu-sterben-Gesellschaften) und trifft sich seit 1976 alle zwei Jahre. Renomierte Personen aus Politik und Gesellschaft unterstützten mit einem Referat diese Zusammenkunft. So sprachen beispielsweise Bundesrätin Simonetta Sommaruga und die Witwe des ehemaligen Fussballstars Timo Konietzka. Dieser schluckte im März dieses Jahres die Todesdosis und rühmte Exit in seiner Todesanzeige. Damit löste er einen Ansturm auf Exit aus, lauter leidende Menschen, die wie Konietzka mit Hilfe eines Sterbemittels friedlich einschlafen wollen.

Hunderte Interessierte besuchten am Freitag den öffentlichen Vortragstag der Sterbehilfeorganisationen. Die Meinung wird vertreten, dass die heutigen Senioren urteilfähig und informiert sind. Man lebt selbstbestimmt und man will auch selbstbestimmt sterben. Die alten und kranken Menschen können frei von Alltagszwängen und ohne Illusionen Bilanz ziehen. Wenn das Leben keinen Sinn mehr macht, wenn Leiden, Einschränkungen, Behinderung, Abhängigkeit oder Krankheit unerträglich werden, soll sich ein Mensch in Würde töten können. Kontrolliert, professionell begleitet, von den Angehörigen bestätigt, vom Arzt verordnet. Sterbehelfer sprechen natürlich nie von töten. Da wird geholfen, selbstbestimmt gestorben, es wird auf dem letzten Weg begleitet, aus dem Leben geschieden und mit Hilfe von Exit in den Tod gegangen.

Der Bundesrat

Im Bericht des Bundesrates über „Palliative Care, Suizidprävention und organisierte Suizidhilfe im Juni 2011“ wird festgehalten, dass die Entscheidungsfreiheit des betagten Menschen gestärkt werden soll. Er soll alle Möglichkeiten am Lebensende kennen, auch die der begleiteten Selbsttötung. Bundesrätin Sommaruga wies in ihrem Referat auch darauf hin, dass ein begleiteter Suizid durchaus einem Bedürfnis entsprechen könne. Trotzdem ist sich der Bundesrat bewusst, dass die „freie Entscheidung“ eine Illusion ist. Depressionen treten im Alter häufig als Begleiterkrankung auf, werden dadurch oft gar nicht erkannt und entsprechend falsch behandelt. Altersbeschwerden, chronische Schmerzen und eingeschränkte Mobilität sind Risikofaktoren für suizidales Verhalten. Dazu kommt die zunehmende soziale Isolation und geringe finanzielle Ressourcen, welche Existenzängste auslösen können. Frau Widmer-Schlumpf warnte vor Jahren schon, als sie noch als Finanzministerin tätig war, dass sich die Pflegekosten in den nächsten 30 Jahren mehr als verdoppeln würden.

Es ist abwegig zu behaupten, dass auf den zukünftigen Generationen kein Druck lasten wird, rechtzeitig aus dem Leben zu scheiden.

Gegenveranstaltung

Auf der anderen Seite des Swisshotels organisierte die „Euthanasia Prevention Coalition“ (Euthanasie Präventionsvereinigung) aufschlussreiche Referate von verschiedenen Rednern zum Thema Sterbehilfe. Alex Schadenberg, Exekutiv-Direktor der internationalen Vereinigung, brachte Licht in das dunkle Thema. „True compassion cannot kill“, erklärte er. Echtes Mitgefühl kann nicht töten.

Ein Suizid ist nie das Gleiche wie ein assistierter Suizid. Wenn eine Gesellschaft nicht mehr mit Schrecken auf einen Suizid reagiert, sondern mit Kopfnicken, ist sie nicht weit davon entfernt auch andere in den Tod zu schicken.

Eine Studie vom Kriminologischen Institut der Universität Zürich im September 2010 zeigte, dass die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung sogar für direkte, aktive Sterbehilfe ist!

Die Akzeptanz eines assistierten Suizides bedeutet, dass es Leben gibt, auf das man verzichten kann, behindertes Leben wird geringgeachtet und scheinbar „freiwillig“ kann gebrechliches, ineffizientes Leben abgeschafft werden. Viele kranke und alte Menschen sind sich zu Recht nicht mehr sicher, ob sie in unserer Gesellschaft wirklich noch erwünscht sind.

Unsere Antwort

Die Antwort auf Verzweiflung, Leiden, Gebrechen und Krankheit ist echtes Mitgefühl, einander beistehen, füreinander da sein und Sorge tragen, sicher keine Todesdosis! Der Mensch darf in Frieden an seiner Krankheit oder seinem Gebrechen sterben, er braucht keinen Giftbecher zu trinken.

Eine über 90-jährige Passantin erlebte, wie sich eine Freundin mit Exit das Leben nahm. Sie erzählte: „Ich habe ihr gesagt, du musst nicht selber gehen, du wirst abgeholt!“ Dann zitierte die Passantin Shakespeare aus Hamlet: „All that lives must die, passing through nature to eternity.“ Alles, was lebt, muss sterben, durch das irdische Leben hindurch zur Ewigkeit. Darauf wollen wir uns vorbereiten!

Informiert bleiben!

 

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