Der Schweizer Gesetzgeber hat in den letzten Jahrzehnten alle Voraussetzungen geschaffen, um die Freiheiten für alle Menschen in der Schweiz herzustellen. Der knappe Entscheid des Schweizer Parlaments vom Dezember 2020, die Ehedefinition per Gesetz auch auf gleichgeschlechtliche Paare auszuweiten und die Samenspende für lesbische Paare zuzulassen, dringt nun aber in eine neue Dimension vor, weil er die Kinderrechte aus Art. 7 der UNO-Kinderrechtskonvention tangiert und deren Rechte wiederum eingeschränkt werden. Es stellt sich die Frage, wo die individuelle Freiheit endet, weil sie die Freiheit anderer einschränkt.

Es ist weder Recht noch Aufgabe eines liberalen Staates, Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Im 20. Jahrhundert hat die Schweiz daher sowohl das Verbot von homosexuellen Handlungen (1942), wie auch das Konkubinatsverbot abgeschafft (je nach Kanton zwischen 1972 und 1995). Das Parlament ist 2007 noch einen Schritt weitergegangen und hat den zivilrechtlichen Status der «eingetragenen Partnerschaft» eingeführt. Diese «orientiert sich bezüglich Steuerrecht, Erbrecht und Sozialversicherungen am Eherecht», unterscheidet sich aber von der Ehe, was Adoption und medizinisch assistierte Fortpflanzung betrifft (NZZ, 2.11.2004). Seither kommt gemäss dem Bundesamt für Statistik auf 57 Eheschliessungen durchschnittlich eine solche «eingetragene Partnerschaft», wobei das Durchschnittsalter mit 42.3 Jahren in letzterem Fall rund zehn Jahre höher ist als bei der Ehe (31.1 Jahre). Der Schweizer Gesetzgeber hat damit alle Voraussetzungen geschaffen, um die individuelle Freiheit von Homosexuellen umfassend herzustellen, ganz nach dem Grundsatz des englischen Philosophen John Stuart Mill (1806-1873): «Die Menschheit fährt besser, wenn sie jedem so zu leben gestattet, wie es ihn gut dünkt, als wenn sie jeden zwingt, nach dem Gutdünken anderer zu leben.»

Im Dezember 2020 ist das Schweizer Parlament aber einen entscheidenden Schritt weiter gegangen: Es hat – im Ständerat äusserst knapp – eine Gesetzesrevision verabschiedet, welche die Ehe neu auch für gleichgeschlechtliche Paare öffnet. Dies ist ein Schritt von ganz neuer Dimension, denn bei der Ehe geht es nicht alleine um die Frage des Zusammenlebens von zwei Erwachsenen, sondern primär um die Weitergabe von Leben. Es geht um die Gründung einer neuen Familie als Grundlage für die Schaffung der nächsten Generation einer Gesellschaft. Dies wird schon deutlich aus der Etymologie des lateinischen Wortes für Ehe: Das lateinische Wort «matrimonium», aus welchem sich die Wörter «matrimonio» (it/sp), «mariage» (fr) und «marriage» (en) ableiten, kann mit «Schutz der Mutter» übersetzt werden. Der Haupt-Ehezweck Familiengründung wird auch dadurch deutlich, dass Befürworter der «Ehe für alle» in allen Ländern früher oder später auch die Samenspende für homosexuelle weibliche oder gar die Leihmutterschaft für homosexuelle männliche Paare gefordert haben. Letztere führt dazu, dass Frauen für das Austragen von Kindern bezahlt werden, zu denen sie danach keinerlei Beziehung mehr haben sollen – die psychischen Herausforderungen für die Leihmutter, wie auch die Kinder aus einer solchen Konstellation sind anspruchsvoll. Wobei die Leihmutter mündig entscheidet, nicht aber das ungeborene Kind – es wird in diese Situation hineingeboren, ohne die Chance zu haben, sich zu entscheiden.

Aber auch die Samenspende für lesbische Paare, explizit Teil der jüngsten Schweizer Gesetzesrevision, ist problematisch. Es ist unbestritten, dass auch andere Personen als die biologischen Eltern ein Kind grossziehen und für dieses sorgen können, auch wenn viele Adoptivkinder oft darunter leiden, ihre genetischen Eltern nicht zu kennen oder nicht bei ihnen leben zu dürfen (siehe etwa Sendungen bei SAT.1 («Bitte melde dich»), RTL («Vermisst») oder SRF (Club vom 4.11.2014) oder den Artikel im Bund vom 20.2.2020, «Du hast deine Mutter doch gefunden, was ist dein Problem?»). Dass nun aber durch die Öffnung der Samenspende für lesbische Paare zahlreiche Kinder künstlich gezeugt werden sollen, welche danach auf Lebzeit mit der Diskrepanz zwischen biologischer und sozialer Elternschaft umgehen müssen, ist nicht nur ein abenteuerliches Sozialexperiment mit ungewissem Ausgang. Es steht auch im direkten Widerspruch zur Kinderrechts-Charta der UNO, welche in Art. 7 fordert: «Das Kind hat das Recht, …soweit möglich, seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden…»

Es geht bei der «Ehe für alle» nicht nur um die Frage der Rechte von Homosexuellen, sondern auch um die Frage der Kinderrechte. Deshalb muss das obige Zitat von John Stuart Mill ergänzt werden mit einem weiteren Zitat von ihm. Der Philosoph fordert die maximale Freiheit des Individuums nämlich nur, «solange wir nicht anderen das ihrige (Wohlergehen) verkümmern oder ihre darauf gerichteten Bemühungen durchkreuzen.»

 

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