Im Wochen-Rhythmus werden wir von den erschütternden Berichten über die Gewalt aufgerüttelt, welche im Nahen und Mittleren Osten sowie in verschiedenen Teilen Afrikas herrscht. Gegenwärtig sind Gruppierungen wie IS, der Islamische Staat, Boko Haram, Al-Shabaab die hauptsächlichen Verursacher der Gräueltaten. Weitere Organisationen wie Al Qaida und die Taliban, welche in Afghanistan und Teilen Pakistans aktiv sind, haben den ersten Rang in den Meldungen wohl abgegeben. Doch sie sind weiter tätig und verbreiten Gewalt und Schrecken.

Alle diese Gruppierungen haben eines gemeinsam. Sie gehören der gleichen Richtung des Islams an. Alle sind Sunniten, welchen rund 80% der Moslems weltweit angehören. Die islamische Welt ist also gespalten in eine sunnitische und eine schiitische Glaubensrichtung.

Christen in Bedrängnis
Mitten in diesem Konflikt stehen die Christen in den verschiedenen Ländern. Viele sind mit doppeltem Leid konfrontiert. Zum einen mussten sie die Vertreibung aus ihren angestammten Städten und Dörfern über sich ergehen lassen. Zum andern sind sie der akuten Gefahr ausgesetzt, dass die Flüchtlingslager, in denen sie Unterschlupf gefunden haben, durch die vordringenden Truppen der IS eingenommen werden.

Ein Unruheherd mit altem Konfliktpotenzial
Zwist und Terror haben eine lange Geschichte in der Region, wobei der Konflikt unter den Muslimen selbst lange Zeit ruhte. Doch sind Zwietracht und Gewaltanwendung auch ein Spiegelbild der Lehre, wie sie im Koran zu finden ist.
Der Koran enthält zwei Teile, welche von den Lehrern streng auseinandergehalten werden. Sie unterscheiden sich in der Formulierung und auch in der Radikalität.

Mekka- und Medina-Suren
Den ersten Teil des Korans bilden die Suren, welche in Mekka ihren Ursprung haben. Mohammed und seine Anhänger waren in Mekka eine Minderheit. Als solche konnten sie nicht mit radikalen Lehren auftreten. Deshalb waren die Inhalte der Suren nicht gewalttätig. Dieser Teil enthielt zum Beispiel kein Verbot des Alkohols.
Mohammed und seine Anhänger kamen zusehends unter Druck, so dass viele von ihnen Mekka verliessen und in die Gegend des heutigen Medina zogen. Mohammed folgte später nach. Der Auszug aus Mekka und der Wechsel nach Medina ist eine Wegmarke im Islam und der Beginn ihrer Zeitrechnung. Das Ereignis ging als Hidschra in die Geschichte ein und wird ebenfalls als Scheidemarke für die Aufteilung des Korans angesehen.
Die nachfolgenden Suren werden als Medina-Suren bezeichnet. In Medina gewannen die Anhänger Mohammeds die Oberhand und er selbst wandelte sich zum militärischen Führer. Dies beeinflusste auch den Charakter und Inhalt der Suren. So enthielten sie nun Verbote und auch Inhalte, welche zur Gewalt gegen Andersgläubige aufriefen. Infolgedessen wurden die Juden in der Umgebung von Medina verfolgt und getötet. Islamische Lehrer machen deutlich, dass viele Suren aus Mekka ungültig und durch Suren aus Medina abgelöst wurden. Gültig ist das Letzte und dies dient den radikalen Islamisten als Grundlage für ihre Terrorakte, unabhängig davon, ob sie Schiiten oder Sunniten sind.
Die frühe Spaltung im Islam
Ursache für die Aufspaltung in die beiden Richtungen Sunniten und Schiiten war nicht eine Lehrfrage, sondern eine Machtfrage. Dabei ging es um die Nachfolgeregelung des Religionsgründers Mohammed. Für die sunnitische Richtung waren die Kalifen, welche aus den Reihen der regionalen Stämme hervorkamen, die rechtmässigen Nachfolger. Seit der Aufhebung des Kalifats von Istanbul 1924 durch Kemal Atatürk gibt es keinen eigentlichen Führer mehr für die Sunniten.
Für die Schiiten konnten nur direkte Nachkommen Mohammeds die Führerschaft übernehmen. Das waren die ersten Imame. In der Schlacht von Kerbala 682 wurde Hussein, der letzte Nachkomme Mohammeds, getötet. Die Schiiten leben heute vor allem im Iran, Irak, Syrien und Libanon.

Die lange Spur von Terror und Gewalt
Der Islam rückte durch die iranische Revolution von 1979 mit ihrem Führer Ajatollah Kohmeni wieder ins Rampenlicht des Weltgeschehens. In der Folge unterstützte das Regime in Teheran andere Länder, in denen sich Muslime gegen bestehende Staatsordnungen auflehnten. Ein Hauptfeind war von Anbeginn Israel, gegen welches sich der Widerstand vermehrt zu richten begann.
Der Terror, der Anfangs der 70er Jahre von den Palästinensern verbreitet wurde, war in erster Linie politisch bedingt. Viele dieser Terroristen waren keine Islamisten, sondern hatten eher ein nationalistisches und sozialistisches Gedankengut. Das erklärt auch die Zusammenarbeit mit europäischen Terrorgruppen wie der Roten Armee Fraktion RAF. Die Gruppierungen betrieben gemeinsame Ausbildungscamps und unterstützten einander bei Aktionen wie der Flugzeugentführung einer Air France Maschine 1976 nach Entebbe (Uganda).

Nach dem Umsturz im Iran und durch die Machtergreifung der Mullahs änderte sich mit der Zeit das Bild. In der Folge begann der Kampf um Macht und Einfluss im Nahen und Mittleren Osten zwischen den Schiiten und den Sunniten oder zwischen dem Iran und Saudi-Arabien als Zentren der Macht. Es entbrannte der erste Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran. Im Irak wurde die schiitische Mehrheit von der sunnitischen Minderheit beherrscht. Unter Saddam Hussein nahmen die Spannungen zu und es kam zum Krieg.

Im Libanon gab es erst einen aufreibenden Bürgerkrieg zwischen der gewachsenen muslimischen Bevölkerung und den Christen. Der Bevölkerungsanteil der Christen nahm durch Auswanderung ab und der Anteil der Muslime wuchs, auch durch die Aufnahme der palästinensischen Flüchtlinge. Das Befehlszentrum der PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) wurde nach Beirut verlegt. Der israelische Einmarsch vertrieb die PLO aus Beirut. Doch das Land kam nicht zur Ruhe. Vom Iran und Syrien unterstützte schiitische Kämpfer wuchsen zur treibenden Kriegspartei im Bürgerkrieg heran, aus welcher die Hisbollah hervorging.
Während dem Engagement der multinationalen Streitkräfte zur Beendigung des Bürgerkriegs im Libanon, bestehend aus US- und französischen Einheiten, kam es 1983 zu zwei folgenschweren Selbstmord-Anschlägen auf die Quartiere der beiden Korps. Dabei verloren 299 Amerikaner und Franzosen ihr Leben. Die Aktion hatte den Abzug der internationalen Friedenstruppen aus dem Libanon zur Folge. Diese Feuer des Terrors griffen weiter um sich und richteten sich mehr und mehr gegen Israel und die westliche Welt. Die Radikalisierung im Islam nahm zu und zeigte sein wahres gewalttätiges Gesicht. Nicht zu vergessen sind die Anschläge auf das World Trade Center in New York durch die Al Qaida mit ihrem Führer Bin Ladin. Die Serie der Gewalttaten ist bis zum heutigen Tag nicht abgerissen.
Nach der Beseitigung von Saddam Hussein im Irak und der misslungenen Befriedung des Landes breitete sich ein Flächenbrand von Gewalt im Zweistromland aus, welcher auch den Nachbarn Syrien erreichte. Die Ursache für den Konflikt war immer noch die Machtfrage zwischen Sunniten und Schiiten.

Ernüchterung vs. Radikalisierung
Im Iran hat sich in den letzten Jahren eine Ernüchterung breitgemacht. Der Glanz der Revolution hat seinen Schein verloren. Zu offensichtlich sind die Folgen der Repression und Einengung der persönlichen Freiheit. Hingegen ist unter den Sunniten das revolutionäre Feuer mit all seinen Exzessen entfacht. In den Ländern, in welchen der sogenannte „Arabische Frühling“ ihre Herrscher stürzte, herrscht Gewalt und Chaos. Auch in anderen Ländern mit grossem islamischem Bevölkerungsanteil gibt es radikalisierte Gruppen: in Nigeria die Bokko Haram, die Al Shabbad in Somalia. Doch alle diese Terrorgruppen werden in den Schatten gestellt durch die Truppen des Islamischen Staates IS, welche im Irak und in Syrien zunehmend beherrschend sind. Diese werden geführt von sunnitischen Offizieren der ehemaligen Armee Saddam Husseins, die mit dem Machtwechsel Rang und Position verloren haben. Über 25‘000 freiwillige Kämpfer aus Europa und anderen Regionen der Welt haben sich dem IS angeschlossen. Ihre Mittel sind Gewalt, Einschüchterung und Terror, unter denen die Bewohner der von ihnen eroberten Gebiete zu leiden haben.

Christen wollen bleiben
Unter der Welle der Gewalt leiden vor allem die Christen, welche dort leben. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Länder Syrien, Ägypten, Libanon, Türkei, Irak und die Länder an der Mittelmeerküste Nordafrikas zu den ersten gehörten, in denen sich der christliche Glaube verbreitete. Es ist die Wiege des Christentums, welche heute zu einem Brandherd geworden ist.
Viele syrische und irakische Christen sind in Regionen geflohen, die von den Kurden beherrscht werden. Da leben sie unter einem gewissen Schutz. Doch in den Gebieten, welche in die Hände der IS fallen, bangen die Christen um ihr Leben. Die Häuser der Christen werden mit einem Zeichen versehen, das Nasara = ungläubig bedeutet.
Trotz der Verfolgung wollen viele Christen in ihren Ländern bleiben. Denn die Gemeinde schrumpft nicht. Kirchen werden zwar zerstört, doch die Christen treffen sich in ihren Häusern zu Bibelstunden und Gottesdiensten. Auch nehmen sich viele Christen der Not ihrer moslemischen Landsleute an. Dadurch werden die Herzen erreicht und gewonnen. Die Teilnehmerzahl moslemischer Gottesdienstbesucher wächst rasant. Viele Moslems beginnen sich zu fragen, ob die Welle von Gewalt und Zerstörung, die von den islamischen Kämpfern ausgeht, wirklich den wahren Glauben verkörpert. Sie leiden unter den Folgen und sind dem Ausmass der Zerstörung täglich ausgesetzt. Das Leid öffnet ihre Herzen und macht sie empfänglich für das Evangelium, welches ihnen durch den praktischen Liebesdienst von Christen begegnet.

Wo bleibt die Solidarität der Christen im Westen?
Die Politiker im Westen wagen es kaum, öffentlich für die bedrängten Christen in den betroffenen Ländern des Nahen Ostens und einiger afrikanischer Länder Stellung zu nehmen. Die Gewalt wird zwar verbal verurteilt, doch Taten folgen keine. Weder die Uno noch die grossen humanitären Organisationen nennen den Genozid, welchem Christen ausgesetzt sind, bei Namen. Deshalb braucht es das Mitwirken der Christen in Europa, welche nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten den verfolgten Glaubensgeschwistern helfen. Es muss verhindert werden, dass die Vertreibung und das Morden weiter voranschreiten. Unsere Politiker und Regierungsverantwortlichen müssen zu Taten aufgefordert werden. Daran kann sich jeder persönlich beteiligen, indem er einen Brief an die verantwortlichen Stellen schreibt.
Des Weiteren ist die Unterstützung der Betroffenen vor Ort ein wichtiges Element. Es gibt christliche Organisationen, die in den betroffenen Ländern Hilfe leisten. Bekannt in der Schweiz ist die Hilfe für Kirche und Mensch HMK, die schon seit Jahren auf das Schicksal der verfolgten Christen in allen Erdteilen aufmerksam macht.
Wir sind unseren Glaubensgeschwistern unseren Beistand schuldig. Dadurch werden sie ermutigt, in aller Drangsal standhaft zu bleiben. Durch ihr Bleiben wird neue Saat gesät, die eine Frucht des Friedens bringen kann.
„Wer aber die Güter dieser Welt hat und seinen Bruder Not leiden sieht und sein Herz verschliesst – wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?” (1.Johannes 3:17) (WM)

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