Uns verbindet mehr, als wir denken!

 

Rund um die Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz gibt es aktuell wieder heftige Kontroversen, wie etwa den Rechtsstreit um die Bewilligung des «Marsch fürs Läbe» oder die gewaltsamen Proteste dagegen. Dabei entsteht der Eindruck, dass Pro-Life- und Pro-Choice Vertreter völlig unterschiedliche Gruppen von Menschen mit unüberbrückbaren Differenzen seien. Doch das Gegenteil ist der Fall: Uns verbindet mehr, als wir denken!

  • Erstens finden Pro-Life- und Pro-Choice-Vertreter Einigkeit darin, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine ungeheure Notlage für die werdenden Eltern, vor allem aber für die werdende Mutter darstellt.
  • Zweitens sind sie sich einig, dass Mitmenschen in einer solchen Situation kein Recht haben über andere Menschen zu richten und sie zu verurteilen, sondern eine Pflicht Anteil zu nehmen und zu helfen.
  • Drittens stimmen sie überein, dass die Aufklärung von Jugendlichen ein wichtiges Mittel ist, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden und solche Notsituationen erst gar nicht entstehen zu lassen.
  • Viertens finden alle, dass das Leben der Frau dem des Kindes vorgeht, wenn eine Schwangerschaft das Leben der Mutter gefährdet.
  • Fünftens gibt es sowohl bei Pro-Choice- wie auch im Pro-Life-Unterstützern einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt das entstandene Leben uneingeschränkt schützenswert ist. Ab diesem Moment erachtet jede und jeder das Leben als so unantastbar, dass auch kein noch so tragischer Härtefall bei dessen Entstehung mehr eine Rechtfertigung wäre, es nun zu beenden.

Fünf Gemeinsamkeiten also und es gäbe wohl noch mehr. Wo aber liegt die Meinungsverschiedenheit? Die Meinungsverschiedenheit liegt einzig in der Frage, wann das Leben beginnt und ab wann nun der absolute Schutz für das Kind greift. Die Schweizer Gesetzgebung («Fristenlösung») lässt die Abtreibung bis zur zwölften Woche zu. Zu diesem Zeitpunkt ist der Fötus 5cm gross, Ohren, Nase, Mund und Augen sind erkennbar und das Herz schlägt schon seit der sechsten Woche. Die Schweizer Praxis sieht allerdings Ausnahmen vor, die in grösserem Umfang wahrgenommen werden. So erfolgen rund 500 Abtreibungen jährlich (rund 5% der Gesamtzahl) nach der zwölften Woche, weil den betroffenen Frauen eine körperliche oder seelische Notlage attestiert worden ist.1

Die meisten christlichen Glaubensgemeinschaften sehen den Beginn des Lebens bereits bei der Zeugung. Sie sehen darin den einzig logischen Zeitpunkt. Denn das Argument, ein Ungeborenes sei ohne die Anwesenheit gewisser Lebensfunktionen noch nicht lebensfähig oder -würdig, würde dann auch für einen Menschen im Koma, einen Senilen oder ein Neugeborenes gelten. Und hier würde niemand bestreiten, dass «die Würde des Menschen unantastbar» ist, wie es beispielsweise im deutschen Grundgesetz heisst.

Die Frage, wann das Leben beginnt und damit sein absoluter Schutz, zählt zu den wichtigsten ethischen Fragen unserer Zeit, welche jede Gemeinschaft und damit auch die Schweiz für sich beantworten muss. Die Gesellschaft allgemein und die Christen im Speziellen sollten diese Diskussion dialogorientiert und im Respekt vor der anderen Meinung führen.

 

 1 Motion Yvette Estermann: Die Zahl der Spätabtreibungen in der Schweiz reduzieren, 04.05.2020

 

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