Ein Ja zur Heirat für homosexuelle Paare sei ein Ja zur Liebe, sagen die Befürworter. Ein geschickter Schachzug, findet Marco Romano. Denn wer will schon gegen die Liebe antreten? Trotzdem tut er genau das, als einziger jüngerer Mitte-Nationalrat. Weshalb?

Von Larissa Rhyn
Lugano

 

Aus der Neuen Zürcher Zeitung, 16.08.2021

«Ich mache Politik nicht, um allen zu gefallen». Dieser Titel prangte vor drei Jahren über einem Interview mit Marco Romano im «Corriere del Ticino». Nie traf die Aussage besser zu als in diesem Sommer. Fast täglich wird der Mitte-Nationalrat per E-Mail oder in den sozialen Netzwerken kritisiert und beschimpft. «Bigott» sei er, «hinterwäldlerisch» oder «ignorant». Der Grund: seine Einstellung zur Ehe für homosexuelle Paare.

Romano ist 38 und der einzige jüngere Politiker ausserhalb der SVP, der sich im Abstimmungskampf gegen die Ehe für alle engagiert. Im Referendumskomitee, das er präsidiert, gibt es nur noch einen anderen Mitte-Nationalrat: den Walliser Benjamin Roduit, der zwanzig Jahre älter ist. Das liegt nicht daran, dass in der Mitte plötzlich alle für eine Öffnung der Ehe wären. Ganz im Gegenteil: Im Nationalrat hat eine knappe Mehrheit der Fraktion gegen die Vorlage gestimmt. Aber die meisten wollen sich nicht exponieren. Zu gross ist die Unterstützung für die Ehe für alle gemäss Umfragen. Zu gross das Risiko, Wählerinnen und Wähler zu vergraulen. Marco Romano weiss das. Und exponiert sich trotzdem.

Er wartet am Bahnhof Lugano. Romano hat den Ort als Treffpunkt ausgesucht, es ist sein Lieblingsplatz in der Stadt, in die er nur zum Arbeiten kommt. Ist er am Bahnhof, heisst das, dass er nach Hause fahren kann, nach Mendrisio, wo er wohnt und seit Jahren Politik macht. Und wo ihn fast alle kennen. Romano und seine Frau haben zwei Kinder, um die sie sich Vollzeit kümmert, während er politisiert und eine Stiftung für Arbeitsmarktintegration leitet. Am Wochenende fährt die Familie meist in die Leventina. Romano nennt sich selbst einen «Bergmenschen». Im sattgrünen Tal, flankiert von felsigen Hängen, fühlt er sich am wohlsten. Hier ist die Schweiz noch so wie vor fünfzig Jahren.

Der gesellschaftliche Wandel ist eines der Hauptargumente der Befürworter der Ehe für alle. Er müsse sich im Gesetz spiegeln, sagen Vertreter von der SP bis zur FDP. Es gehe um die Anerkennung von Liebe und Vielfalt. Die Kampagne ist geschickt aufgezogen. Wer will schon gegen die Liebe sein? Marco Romano hingegen findet, die Ehe für alle habe «überhaupt nichts mit Liebe zu tun». Liebe sei ein Gefühl, und das lasse sich nicht ins Gesetz schreiben. Punkt.

Romano ist sich «fast sicher», dass er den Abstimmungskampf verlieren wird. Er sagt, das sei ihm egal. Was ihn stört, ist, dass bis anhin wenig über das Thema gesprochen wird. «Wenn die Deutschschweizer Parteien alle den Romano anfragen müssen für die Debatten an ihren Delegiertenversammlungen, dann ist klar, dass etwas nicht stimmt.» Das zeige, dass sich viele Gegner nicht trauten, für ihre Überzeugung einzustehen.

Als «Frauenkiller» bezeichnet

Spricht Romano über gesellschaftlichen Wandel, schwingt in seinen Worten oft Wehmut mit. Wandel sei nicht automatisch gut, sagt er, will aber gleichzeitig nicht als Ewiggestriger gelten. Er betont, er habe nichts gegen Homosexuelle. Die Einführung der eingetragenen Partnerschaft habe er befürwortet. Finanzielle Ungleichheiten für lesbische und schwule Paare, wie bei der AHV, müssten beseitigt werden – nur eben im Rahmen der eingetragenen Partnerschaft.

Noch mehr als das Argument des «gesellschaftlichen Wandels» und der «Liebe» stört Romano der dritte Begriff, auf den die Befürworter ihre Kampagne stützen: Vielfalt. Wenn er eines nicht sein will, dann ein Verhinderer der Vielfalt. Der Tessiner hat unzählige Vorstösse eingereicht, die er mit Vielfalt und Gleichberechtigung begründete: für eine Witwerrente für Männer, für einen Adoptionsurlaub, für die Förderung der italienischen Sprache an Schulen.

Vielleicht sind das Versuche, einen Vorwurf zu entkräften, der ihm zu Beginn seiner politischen Karriere gemacht wurde. Damals trat Romano als Aussenseiter bei der Nationalratswahl an. Seine Parteikollegin Monica Duca Widmer war die klare Favoritin. Doch dann erhielten beide exakt 23 979 Stimmen – ein einmaliges Ereignis in der Schweizer Geschichte. Zwei Auslosungen und einen Bundesgerichtsentscheid später war Romano Nationalrat. In Bern wurde er anfangs als «Vielfaltsverhinderer» oder gar als «Frauenkiller» bezeichnet. Viele hatten erwartet, dass er sich zugunsten der erfahrenen Parteikollegin zurückziehen würde. Das versteht Romano bis heute nicht: «Mit 28 war ich einer der jüngsten Parlamentarier. Aber beim Alter sollte Vielfalt keine Rolle spielen. Das ist inkonsequent.»

Ähnlich argumentiert er bei der Ehe für alle: Die Befürworter würden sich mit Vielfalt schmücken, sie aber im Grunde verhindern. Dies, weil das Wort «Vater» bei der Definition des Kindesverhältnisses durch «der andere Partner» ersetzt werden soll. Die biologische Vielfalt werde damit negiert. «Der Mann wird aus dem Gesetz gestrichen. Er wird nur noch als Maschine gesehen, die Sperma generiert.»

Plakative Sätze wie diesen streut Romano, der zweisprachig aufgewachsen ist, öfters ein. Als wolle er sich versichern, dass er auch die Leute am Stammtisch überzeugt. Politisiert wurde er im Grotto seiner Grosseltern. Seine Eltern waren beide berufstätig. «Nach der Schule war die Bocciabahn oft meine Krippe.»

Er selbst sieht sich als modernen Vater, weil er abends und am Wochenende so viel Zeit wie möglich mit seinen Kindern verbringt und «zu Hause aktiv mithilft». Dass ihn sogar in der eigenen Partei einige als «stockkonservativ» bezeichnen, versteht er nicht.

Die Institution Ehe bewahren

Romano sitzt in der steilen Via Cattedrale, noch immer in der Nähe des Bahnhofs, und trinkt in zwei schnellen Schlucken seinen Liscio, wie die Tessiner den Espresso nennen. Mit der anderen Hand gestikuliert er in die Richtung, in der eine grosse Luganer Fruchtbarkeitsklinik liegt: «Heterosexuelle Paare, die hierherkommen, sind verzweifelt, weil sie alles andere versucht haben. Derweil wollen homosexuelle Paare ein grundsätzliches Recht auf ein Kind beanspruchen. Das gibt es nicht, und das ist respektlos.»

In der Verfassung, Artikel 119 – «lesen Sie es nach», insistiert Romano –, steht, dass die Samenspende nur beansprucht werden darf, wenn die Unfruchtbarkeit oder die Gefahr, dass eine schwere Krankheit übertragen wird, nicht anders behoben werden kann. Lesbische Frauen seien jedoch nicht biologisch unfruchtbar, sagt Romano: «Bekommen sie Zugang zur Samenspende, liberalisieren wir die Fortpflanzungsmedizin auf einen Schlag enorm – und das unter dem Deckmantel der Liebe.»

Wie die meisten Gegner argumentiert Romano zwar vor allem gegen die Samenspende und die Adoption. Doch er gibt auch zu, dass ihn die Ehe für homosexuelle Paare grundsätzlich stört. Warum, kann er «nicht objektiv begründen». Dass er Katholik sei, sei jedenfalls nicht der Grund. Zumal er selten in die Kirche gehe. Er wolle die Institution der Ehe schlicht bewahren, wie sie schon immer gewesen sei. «Sie ist Teil unserer Gesellschaft und unserer Tradition.»

Auf die Niederlage vorbereitet

Ist es vielleicht doch politisches Kalkül, das den Tessiner dazu bringt, als einer der wenigen Gegner der Ehe für alle aufzutreten? Das Tessin ist zwar noch immer katholisch geprägt. Doch das allein bedeutet nicht, dass die Zustimmung kleiner sein muss als in der Deutschschweiz. So ist die Homosexuellen-Ehe inklusive Samenspende im tief katholischen Spanien längst breit anerkannt. Zudem fand in Lugano vor drei Jahren eine Gay-Pride statt.

Marco Romano macht viel Sport, sagt aber über sich selbst, dass er nirgends richtig gut sei. «Verlieren kann ich.» Er scheint die Niederlage bereits rhetorisch vorzubereiten, und das mit gutem Grund. In der ersten Abstimmungsumfrage von Tamedia sagten 64 Prozent der Befragten, dass sie Ja oder eher Ja stimmen wollten. Ganz so deutlich wird das Resultat jedoch kaum ausfallen. Und Romano hat schon einmal knapp gewonnen, als es keiner erwartete.

 

 

Informiert bleiben!