Die Debatte um das Eheverständnis ist in vollem Gange

Die Abgeordneten des Evangelischen Kirchenbundes befürworten eine Anpassung des Zivilrechtes mit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Die Gewissensfreiheit soll für kirchliche Amtshandlungen gewahrt bleiben. Die Evangelische Allianz betrachtet dieses Ja als einen Schritt in die falsche Richtung.

Von Urs Hunziker

Die reformierte Kirche befürwortet die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare auf zivilrechtlicher Ebene. Dies hat die Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) am 5. November 2019 in Bern auf Antrag des SEK-Rates (Exekutive) mit sehr grosser Mehrheit beschlossen. Es gehe hier nicht um einen Entscheid zur Einführung der kirchlichen Ehe für Homosexuelle, betonte SEK-Ratsmitglied Sabine Brändlin. Diese Kompetenz liege bei den Kantonalkirchen. Der Kirchenbund empfiehlt den Mitgliedkirchen, den allfälligen neuen zivilrechtlichen Ehebegriff für die kirchliche Trauung vorauszusetzen. Die Pfarrerinnen und Pfarrer sollen aber weiterhin auf ihr Gewissen hören können. Die Gewissensfreiheit solle wie für alle anderen kirchlichen Amtshandlungen selbstverständlich gewahrt bleiben.

Am 4. November 2019 wurde dem Präsidenten der SEK-Abgeordnetenversammlung, Pierre de Salis, ein Offener Brief übergeben. Wie mitgeteilt wurde, haben ihn 6230 Personen aus reformierten Gemeinden (über 4300 aus der Deutschschweiz) unterschrieben. Dazu kommen 2200 Unterzeichnende aus anderen Kirchen, insgesamt also gegen 8500 Personen. Sie alle ersuchten die Abgeordneten des Kirchenbundes, der Eintracht in den reformierten Kirchen Sorge zu tragen und deshalb nicht für die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare zu votieren.

Bereits an der Abgeordnetenversammlung im Juni wurde die Debatte breitflächig angestossen. Im Hinblick auf die Vernehmlassung zur Parlamentarischen Initiative «Ehe für alle» auf zivilrechtlicher Ebene einigten sich die Abgeordneten auf folgende Aussage: «Wir sind von Gott gewollt, so wie wir geschaffen sind. Unsere sexuelle Orientierung können wir uns nicht aussuchen. Wir nehmen sie als Ausdruck geschöpflicher Fülle wahr.» Die Frage nach einer Öffnung der Ehe liess die Antwort des SEK in der Vernehmlassung noch offen. In einem Interview mit dem Tages-Anzeiger vom 15. August 2019 positionierte sich der SEK-Ratspräsident Gottfried Locher dann persönlich klar zustimmend zur «Ehe für alle». Der Begriff sei zwar nicht so glücklich, da man ja keine Kinderehe, keine Zwangsehe oder Vielehe wolle. Er spreche lieber von der Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare und diese befürworte er. Wir hätten das bewährte System, dass der Staat die Ehe definiere, die reformierterseits mit dem Segen Gottes ausgestattet werde. «Dieses System müssen wir beibehalten. Wenn sich der Staat zur gleichgeschlechtlichen Ehe hin öffnet, sehe ich keinen Grund, warum wir ihm nicht folgen sollten… Die Ehe ist nicht Teil des christlichen Bekenntnisses, sie gehört nicht zu den Grundfragen des Glaubens», fährt er fort. Am 30. Oktober 2019 publizierte ideaSpektrum ein moderiertes Gespräch von Radio Life Channel zwischen Gottfried Locher und dem Generalsekretär der Evangelischen Allianz (SEA) Marc Jost. Auf die Frage, wie man in dieser Frage die Bibel lesen und verstehen soll, wollte Locher keine eindeutige Antwort geben. Josts Frage – Zitat: «Mich würde interessieren, wie man denn zu einer Haltung kommt, welche die Bibel ernst nimmt und trotzdem zum Schluss gelangt, gleichgeschlechtliche Ehe sei Schöpfungswille.» – beantwortete Locher nicht direkt, sondern reagierte mit einer Gegenfrage, mit der er sein Gegenüber auf das Gelände der Homophobie leiten wollte.

An dieser Debatte in der reformierten Kirche wird das aktuelle Spannungsfeld gesellschaftspolitischer Fragen in Bezug auf die Stellung der christlichen Kirchen in der Gesellschaft deutlich sichtbar. Die Argumentation entzweit sich bereits am Bibelverständnis. Ist die Bibel Gottes Wort, das den Menschen und der Gesellschaft einen moralischen Kompass in die Hände gibt oder muss man das relativieren? Stellt man die Bibel und ihre Aussagen in Teilen oder als Ganzes in Frage, dann hat das zur Folge, dass es kontroverse Ansichten zum Thema Schöpfung und Menschenwürde geben wird. Mit anderen Worten: Der Massstab lässt sich anpassen. Unsere Grundgesetze bauen auf ein Verständnis von einer guten Ordnung, speziell von Recht und Unrecht, wie wir es aus der Bibel entnehmen. So wurde auch das biblische Modell der Ehe, als Gemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau, wie sie von Gott geschaffen wurden, befähigt zur Fortpflanzung, in unsere Gesetzgebung übernommen. Es sind also christliche Werte, auf denen unsere Gesellschaftsordnung aufbaut. Immer deutlicher wird aber ein Paradigmenwechsel sichtbar. Andere Einflüsse finden in die Gesellschaft Eingang, welche die Werte zu bestimmen beginnen. Wenn die christlichen Kirchen, und damit die Christen, sich anzupassen beginnen, werden sie aber ihre eigentliche Funktion als Licht und Salz in der Gesellschaft verlieren.

Übrigens: Der Vorstand der Evangelischen Allianz sieht im Ja des Evangelischen Kirchenbundes einen Schritt in die falsche Richtung und stellt fest, dass die SEK innerhalb der Weltkirche damit eine Minderheitenposition einnimmt.

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