Christliche Werte verlieren zunehmend an Bedeutung

Während christliche Grundwerte und Bekenntnisse seit Längerem auf dem Rückmarsch sind, werden sie von ökologischen Endzeitwarnungen auf beiden Seiten überholt.

Von Urs Hunziker

Europa versteht sich als eine der Wiegen der christlichen Kultur. Der christliche Glaube prägt unseren Kontinent seit der Christianisierung in den Jahrhunderten nach dem Untergang des weströmischen Reiches. In dieser langen Zeit entstand ein reiches kulturelles Erbe, das untrennbar mit den Glaubensgrundsätzen der christlichen Lehre und der biblischen Botschaft verbunden ist. Nicht zu allen Zeiten war aber das religiöse Leben gleich eng an die Botschaft des Evangeliums gebunden. Und so gab es Epochen und Zeiten, in denen Aufbrüche, wie die Reformation, eine Rückführung auf das Wort Gottes bewirkten und unsere gesellschaftliche und kulturelle Ordnung dauerhaft beeinflussten. Doch wo stehen wir heute? Die Tradition ist nach wie vor stark an das Christentum gebunden. Symbole und Feierlichkeiten folgen Mustern, die einen christlichen Ursprung haben. Und trotzdem verabschiedet sich das Christentum zunehmend aus dem täglichen Leben. Dieser Trend ist nicht etwa der verstärkten Migration geschuldet. Vielmehr wenden sich die Europäer selbst vom christlichen Glauben ab. Die Zahl der Kirchenaustritte spricht seit längerer Zeit eine eindeutige Sprache. Und diejenigen, die in einer Kirche verblieben sind, sehen ihren Bezug zu ihr zusehends unverbindlicher oder sogar gänzlich lose. Der Besuch des Gottesdienstes ist zur Ausnahme geworden.
Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in Deutschland die Menschen. 1986 gaben 56% der Befragten in den alten Bundesländern an, zu glauben, dass Jesus Christus Gottes Sohn sei. Heute sind es noch 41%. Bei der Frage, ob Gott die Welt erschaffen habe, sank der Anteil der Zustimmung von 47% auf 33%. Und der Anteil derjenigen, welche an die Auferstehung der Toten und an das Reich Gottes glauben, sank im gleichen Zeitraum von 38% auf 28%. Diese Zahlen zeigen, dass konkrete Kernaussagen des Evangeliums an Bedeutung und Zustimmung verlieren. Vage spirituelle Aussagen hingegen konnten sich im gleichen Zeitraum halten, oder sogar in der Zustimmung steigern. Konstant gleich viele, nämlich 48%, glauben an irgendeine überirdische Macht. Der Glaube an Engel und Wunder ist sogar prozentual gestiegen. 1965 gaben 62% der befragten Deutschen an, dass in ihrer Kindheit beim Essen ein Gebet gesprochen wurde. Praktiziert wurde dies damals aber nur noch von 29% der Befragten. Heute geben 41% der Befragten zur Antwort, dass sie sich an ein Tischgebet in ihrem Elternhaus erinnern, wobei nur noch 9% dies in ihrem eigenen Haushalt zu tun pflegen. Schleichend, und dies seit langem, sagen die christlichen Sitten Adieu.


Während die Bindung an das christliche Evangelium schwindet, ist das generelle Bedürfnis nach Spiritualität aber nicht rückläufig. Da stellt sich die Frage, was denn das entstehende Vakuum auszufüllen beginnt. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach kommt in seinem Artikel «Der lange Abschied vom Christentum» (FAZ, 20.12.17) zur bemerkenswerten Aussage, dass die Ökologiebewegung, mit ihrer Annahme von einer guten Natur, die durch menschliches Fehlverhalten gefährdet ist, dabei die wichtigste Rolle spielt. Dem Einwand, dass es sich hier doch um naturwissenschaftliche Tatsachen handelt, stellt er entgegen, dass die Vorstellungen der Bevölkerung zu diesen Themen nur wenig mit belegten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun haben. Er ortet in der ökologischen Bewegung viele Elemente, welche in religiösem Zusammenhang altbekannt sind. Zugespitzt formuliert Petersen es so: «…die Bandbreite reicht von Essensvorschriften («Veggie Day») über Endzeiterwartungen («Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch»), himmlische Strafen («Die Natur schlägt zurück») und Drohungen gegen Abweichler («Klimaleugner») bis zum Ablasshandel (Abgaben für Flugreisende, um sich CO2-neutral zu machen).» Dieser Paradigmenwechsel zeigt sich auch in der Tatsache, dass heute mehr Menschen die Bedeutung der «Nachhaltigkeit» viel höher einstufen als diejenige generell «christlicher Werte». Diese Einschätzung macht auch vor bekennenden Christen und Kirchenmitgliedern nicht halt. Die ökologische Weltanschauung entfaltet in unserer Zeit für die breite Masse eine stärkere Bindungskraft als der christliche Glaube. Während sich in früheren Zeiten die Frage nach der Existenz Gottes für die Menschen in Europa gar nicht gestellt hatte, dies war für sie eine Tatsache, wird die göttliche Ordnung zusehends durch die «Allmacht der Mutter Natur und ihrer Regeln» ausgehebelt.

Quelle: Thomas Petersen, «Der lange Abschied vom Christentum», erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 20.12.2017

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