Von den Täufern bis zu den Freiheitstheologen haben immer wieder Bewegungen versucht, politische Forderungen aus der Bibel abzuleiten. Eine ganzheitliche Betrachtung zeigt aber, dass das Christentum das starre Links-Rechts-Paradigma sprengt – und stattdessen für gegenseitigen Respekt plädiert.

Würde Jesus «links» wählen? Wer die Abstimmungsparolen der Schweizer Kirchen verfolgt, könnte vorschnell zu diesem Schluss gelangen. So empfahlen diese beispielsweise fast unisono die Konzernverantwortungsinitiative vom 29. November 2020 zur Annahme. «Der Schutz der Armen und Schwachen zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel», argumentierte damals die Schweizerische Evangelische Allianz schwarz auf weiss.

Damit appellierte sie an das weit verbreitete Bild des armen Wanderpredigers Jesus, der sich für Randständige wie Aussätzige einsetzte, vor Reichtum warnte («eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel»), Tabus brach (etwa, indem er mit einer Frau aus Samaria sprach) und konsequent die Nächstenliebe, ja, die Feindesliebe lehrte. Eine Position, die der einflussreiche Schweizer Theologe Leonhard Ragaz (1868 bis 1945) auf den Punkt brachte: «Wir bekennen uns zu einem religiösen Sozialismus», schrieb er. Seine Lehre umfasste viele Schwerpunkte, die er aus der Bibel ableitete und die noch heute in Linksparteien dominieren: Sozialismus (nicht Marxismus), Pazifismus, Ökologie («den Garten Eden bebauen und bewahren», gemäss Genesis 2,15), Frauenbefreiung.

 

Auf Kuschelkurs mit Kapitalisten?

Aber Jesus war weit mehr als ein Sozialrevolutionär. Er tickte nicht exklusiv links. Gerade evangelikale wie konservative katholische Christen setzen ihre Hoffnung auffallend oft in Parteien, die «rechts» von «links» stehen. Denn diese halten christliche Familienwerte hoch und kämpfen für die wirtschaftliche Freiheit.

Tatsächlich erwies sich Jesus als profunder Kenner der Wirtschaft, der die Eigentumsrechte für unumstösslich hielt. Klar, in Matthäus 25,32 sagte Jesus: «Was Ihr einem dieser Geringsten getan habt, das hat Ihr mir getan.» Aber im gleichen Kapitel erzählte er das Gleichnis der anvertrauten Talente, das geradezu kapitalistisch anmutet. Hier erachtet es Jesus als vernünftig, dass der Besitzer jedem Knecht eine andere Summe anvertraute. Er lobte den unternehmerisch handelnden Knecht und kritisierte jenen, der das Geld aus Angst vergraben hatte. Der Nichtsnutz wird nicht nur entlassen, sondern erst noch in die Finsternis geworfen. Überhaupt scheint Jesus die Freiheit der Arbeitgeber zu verteidigen. Immerhin erhielten in einem Gleichnis alle Tagelöhner im Weinberg dasselbe Honorar, obgleich einige von ihnen viel mehr geschuftet hatten als andere.

Auch der Apostel Paulus, der sich nebenbei als selbständiger Zeltmacher den Lebensunterhalt verdiente, klingt nicht wie ein Sozialdemokrat. «Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen», hielt er in seinen Briefen fest. Das hinderte ihn allerdings nicht, eine – freiwillige – Geldsammlung für die verarmte Gemeinde in Jerusalem zu lancieren.

 

Nicht von dieser Welt

Bis auf den heutigen Tag haben Gruppierungen aller politischen Couleur immer wieder versucht, ihre Positionen mit dem christlichen Glauben zu verknüpfen. Eine ganzheitliche Betrachtung zeigt aber: Jesus lässt sich nicht ins eindimensionale politische Links-Rechts-Schema pressen. Dieses ist nicht gottgegeben, sondern bildete sich erst nach der französischen Revolution mit der Sitzordnung von Frankreichs Nationalversammlung heran. Links sassen die republikanisch Gesinnten, rechts die Monarchie-Freundlichen.

«Mein Reich ist nicht von dieser Welt», betonte Jesus gegenüber Pilatus und wehrte sich gegen jegliche politische Vereinnahmung. Den Evangelisten Matthäus, der als Zöllner mit der römischen Besatzungsmacht kollaborierte, nahm er ebenso in den Kreis seiner Jünger auf wie Simon der Zeloten, der die Römer mit Gewalt vertreiben wollte. Als die jüdische Elite ihn fragte, ob sie die Steuern an Rom bezahlen sollten, antwortete Jesus: «Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.» Der Reformator Martin Luther folgerte daraus, dass sich Christen zwar der «weltliche Obrigkeit» unterordnen müssten, jedoch freie Bürger des «himmlischen Reichs» seien. Die Lehre ging als «Zwei-Reich-Lehre» in die Geschichte ein, welche die Trennung von Kirche und Staat förderte.

 

Dilemma: Unkraut unter Weizen

Die meisten politischen Parteien vertreten im Kern berechtigte Anliegen, die sich so auch schon in der Bibel finden. Dem trägt das schweizerische Mehrparteiensystem Rechnung. Gerade bei komplexen Herausforderungen kommt es in der Realpolitik zu ethischen Dilemmas respektive Zielkonflikten. Im Dialog gilt es da gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, welche die verschiedensten Aspekte berücksichtigen. Gerade mit Blick auf Jesus darf der christliche Glaube nicht zur einseitigen Rechthaberei missbraucht werden.

In Matthäus 13 erzählt Jesus das Gleichnis vom Unkraut unter den Weizen. Der Gutsherr verbot es da seinen Arbeitern, das vermeintliche Unkraut aus dem Feld zu entfernen. Dies könnte auch gutes Korn beschädigen. Die Trennung sei darum erst für den Tag der Ernte vorgesehen. Der Psychiater und Theologe, Prof. Dr. Manfred Lütz, bezeichnet dieses Gleichnis treffend als «Magna Charta» der Toleranz. Gemäss Lütz ist Toleranz eine christliche Erfindung. Ursprünglich bedeutete der lateinische Begriff «tolerare» so viel wie «Lasten tragen». Für die Christen hiess er aber auch, Menschen mit anderer Meinung zu «ertragen».

Dies ist ein wichtiger Teil des «höchsten Gebots», das Jesus auf Anfrage als Richtschnur fürs praktische Verhalten gegeben hat: «Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (...) und deinen Nächsten wie dich selbst.»

 

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