Darf eine Lehrperson den Schülerinnen und Schülern seine persönliche Weltanschauung vermitteln? – Die intuitive Antwort eines Vorzeige-Bürgers wäre wohl ein klares Nein, denn seit der Trennung von Kirche und Staat hat eine Lehrperson möglichst wertneutral zu unterrichten. Dies zeigt sich auch überdeutlich in Medienberichten der jüngeren Vergangenheit: „Alarm an der Zürcher Pädagogischen Hochschule. Zahlreiche Studenten gehören freikirchlichen Bewegungen an“, schreibt etwa das Schweizer Fernsehen als Online-Einleitungstext zum Rundschaubeitrag vom 07.10.09. Auch in Printmedien wird der Besorgnis über die offenbar wachsende Anzahl von evangelikalen Christen an Pädagogischen Hochschulen Ausdruck gegeben, denn diese könnten später einmal die Schulkinder missionieren (z.B. Zürcher Studierendenzeitung vom 27.03.09 oder Tagesanzeiger-Online vom 27.05.09).

Wer vor diesem Hintergrund allerdings den Bericht über die jüngste Diplomfeier an der Pädagogischen Hochschule Rorschach liest, wo 118 angehende Kindergarten- und Primarschullehrkräfte ihr Diplom empfingen, wird stutzig. Denn darin ist zu lesen, wie Prorektor Jürg Sonderegger in seiner Rede überleitet zum Referat von Anne-Marie Holenstein, einer bekannten Umwelt- und Fairtradeaktivistin. Dabei ruft er den Absolventinnen und Absolventen den bedeutungsschweren Satz zu: „Betrachten Sie den Lehrerberuf als hoch politischen Beruf.“1)

Was gilt nun? Soll die Lehrperson möglichst neutral sein oder möglichst persönlich engagiert? Soll sie möglichst wenig eigene Überzeugung vermitteln oder möglichst viel? – Nun, offenbar kommt es ganz darauf an, wie diese eigene Überzeugung aussieht. Doch das würde ja bedeuten, dass der Staat den Lehrpersonen vorschreiben will, welche Überzeugungen sie zu haben haben und welche nicht. Und das würde wiederum bedeuten, dass die Glaubens- und Gewissensfreiheit zu einer Glaubens- und Gewissensvorschrift geworden ist. Und das würde schliesslich an Zeiten und Systeme erinnern, an die kein Vorzeige-Bürger erinnert werden will.

Links:
1) www.phsg.ch/PortalData/1/Resources/kommunikation/news-meldungen_2010/100621_diplomfeiern_rueckblick.pdf

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